Monatsandacht

August und September 2017

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lk 6,36)

Was ein "barmherziger Samariter" ist, darunter können sich wohl die meisten Menschen etwas vorstellen: Einer, der einem anderen hilft, sich für ihn einsetzt, und dabei selbstlos handelt.

Die sprichwörtlich gewordene Rede vom "barmherzigen Samariter" geht zurück auf Jesu Verkündigung, auf seine Beispielerzählung vom "Barmherzigen Samariter" (Lk 10,25-37). Diese Erzählung sollte den meisten bekannt sein:

Ein Mensch fiel unter die Räuber, wurde beraubt, geschlagen und halbtot liegen gelassen. Ein Priester und ein Levit, zwei fromme Leute also, sahen ihn zwar, aber gingen vorüber. Als drittes kam einer aus dem von frommen Juden verachteten Samarien an den Ort des Verbrechens und sieht den Schwerverwundeten dort liegen. Und dann heißt es ausgerechnet von ihm: "... und als er ihn sah, jammerte er ihn" (V.33). Und er half ihm.

"Er jammerte ihn" – das ist das Entscheidende. Und daraus kam dann seine tatkräftige Hilfe: "und er ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn." (V.34)

Der dort am Wege liegende Fremde "jammerte ihn". Darum erbarmte er sich über ihn und tat alles für ihn, was ihm möglich war - bis hin zur Unterbringung in der Herberge und der Übernahme der Kosten samt der Zusage, er werde wiederkommen und auch noch weitere entstandene Kosten für den Mittellosen begleichen. (V.35)

(Ein sehr nüchternes Vorgehen übrigens, daß er nach Regelung der Pflege seinen Weg weiterzog, seine ursprünglich geplanten Vorhaben auszuführen und zu erledigen! Sein Erbarmen, seine Barmherzigkeit ist keine Sentimentalität.)

Warum hat Jesus diese Beispielgeschichte erzählt? Es geht um die von Gott gebotene Liebe zum Nächsten. Im Gespräch mit einem Schriftgelehrten verwies Jesus diesen auf das Doppelgebot der Liebe (5. Mose 6,5; 3.Mose 19,18): "Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst." Und Jesus sagt zu dem Schriftgelehrten: "Tue das, so wirst du leben."

Der aber wollte dem klaren Wort Gottes ausweichen. Statt sich dem Wort Gottes unterzuordnen und ihm zu folgen, stellte er sich über das Wort und machte ein Problem daraus: "Wer ist denn mein Nächster?"

In großer Geduld und obwohl er die Unaufrichtigkeit dieses Mannes schon längst erkannt hatte, beantwortete Jesus diese Frage "Wer ist denn mein Nächster?" mit der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter. Allerdings verändert Jesus die Fragestellung: "Wer von diesen dreien ... ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?" – Wer ist mein Nächster? Wem bin ich der Nächste?

Der Samariter kannte den halbtot am Wegrand liegenden Fremden überhaupt nicht. Der war insofern nicht sein Nächster; aber er, der Samariter, wurde ihm der Nächste – und half ihm, mit vorbehaltlosem Einsatz, obwohl es gefährlich, unangenehm und teuer für ihn war.

Ich kann mir meine "Nächsten", denen ich der "Nächste" sein soll, nicht selber aussuchen. Die legt Gott mir vor die Tür oder an den Weg. Meistens aber und normalerweise sind sie schon lange da und mir recht bekannt: in der Familie, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit ...

Gott gebietet die Liebe zum Nächsten, den man sich nicht aussuchen kann, samt den damit u.U. verbundenen auch unangenehmen Aufgaben und Belastungen. Gott gebietet nicht eine selbst gewählte Liebe zu den Fernen, die man in einer unnüchternen Grundhaltung alle beglücken und in die Arme schließen möchte, während die wirklichen Nächsten mit ihrer oft großen meist inneren Not unversorgt und ungeliebt am Wege, ja vor den Füßen liegen. Wen "jammert" dieser Mensch, so daß er ihm Nächster wird?

Wo die Liebe zu Gott Raum hat und echt ist, da findet sich auch Liebe zum unausgesuchten Nächsten. Von Jesus selbst jedenfalls wissen wir aus Gottes Wort: Es "jammert ihn" um einen jeden, der noch – ohne ihn – verloren dahingeht: "Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben." (Mt 9,36) Er, der Sohn Gottes, ist der Heiland der Welt, der uns liebt, obwohl er uns kennt; und er ist uns der Nächste geworden, willentlich zu uns gekommen, um uns vom Tode zum Leben zu retten.

Es grüßen Sie, liebe Gemeindeglieder, herzlich
Ihr Pfarrer Hamel, Mitarbeiter und Kirchvorsteher mit dem Lied EG 413 von Nikolaus Hermann:

Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt, die brüderliche Lieb genannt, daran ein Christ recht wird erkannt.

Christus sie selbst das Zeichen nennt, daran man seine Jünger kennt; in niemands Herz man sehen kann, an Werken wird erkannt ein Mann.

Die Lieb nimmt sich des Nächsten an, sie hilft und dienet jedermann; gutwillig ist sie allezeit, sie lehrt, sie straft, sie gibt und leiht.

Ein Christ seim Nächsten hilft aus Not, tut solchs zu Ehren seinem Gott. Was seine rechte Hand reicht dar, des wird die linke nicht gewahr.

Wie Gott läßt scheinen seine Sonn und regnen über Bös und Fromm, so solln wir nicht allein dem Freund dienen, sondern auch unserm Feind.

Die Lieb ist freundlich, langmütig, sie eifert nicht noch bläht sie sich, glaubt, hofft, verträgt alls mit Geduld, verzeiht gutwillig alle Schuld.